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An den Frauen darf nicht noch mehr gespart werden!

Konkrete Forderungen statt Applaus

 

Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Diskussionsbeitrag «Corona, Krise und Care-Arbeit» von WIDE Switzerland, welcher im FemInfo (2020, 55. S. 12-16) publiziert wurde. Die ungekürzte Fassung findet sich hier: www.wide-switzerland.ch/de/home.

 

WIDE Switzerland ist ein unabhängiges, feministisches Netzwerk. WIDE setzt sich mit Care-Ökonomie auseinander sowie mit Wirtschafts-, Sozial- und Entwicklungspolitik. WIDE vermittelt Wissen, lanciert Diskussionen und nimmt politisch Einfluss. Der WIDE-Debattierclub zu Politik, Ökonomie und Care ist ein selbstorganisiertes Gefäss für die Diskussion aktueller politischer Fragen aus der Perspektive der Care-Ökonomie. In diesem Rahmen wurde das vorliegende Diskussionspapier verfasst, mit welchem die Autorinnen dazu beitragen, den Applaus für die sogenannt systemrelevanten Care-Arbeitenden in konkrete Forderungen zu übersetzen und eine politische Debatte zur Zukunft der guten Sorge um und für Menschen zu lancieren.

 

Text: Céline Angehrn, Theres Blöchlinger, Jelena Lenggenhager, Mascha Madörin, Urslé von Mathilde, Simona Isler, Anja Peter, Heike Wach und Therese Wüthrich

 

Wir stellen fest

1. Unter Care-Arbeit verstehen wir alle unbezahlte und bezahlte Arbeit rund um die Sorge für und die Versorgung von Menschen. Care-Arbeit ist entscheidend, wenn es um den Lebensstandard und das Wohlergehen von uns allen geht: um die Gesundheit, das Aufziehen von Kindern, die Betreuung von Angehörigen, Freiwilligenarbeit, die Lebensmittelversorgung und soziale Sicherheit.

 

2. Rund zwei Drittel der Wirtschaft ist Care-Arbeit. 69 Prozent aller Arbeit in der Schweiz – in Stunden gemessen – wird im Sektor der Sorge- und Versorgungswirtschaft geleistet. (1) Und trotzdem gibt es weder eine landesweite Debatte über diesen Sektor, geschweige denn eine Strategie zu dessen Organisation und Finanzierung.

 

3. Care-Arbeit ist nicht wie jede andere Arbeit: 1. Sie findet zwischen Menschen statt, und physische Nähe ist meistens zentrales Element dieser Arbeit. Deshalb sind Personen, die Care-Arbeit leisten, einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. 2. Sie ist systemrelevant, d.h. elementar für unsere Leben. Auf diese Arbeit kann nicht verzichtet werden.

 

4. Frauen leisten den Hauptanteil der Care-Arbeit – bezahlt und unbezahlt.

 

5. Im gesamten Care-Sektor fehlt es an zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen. Die Löhne und Arbeitsbedingungen sind im Vergleich zu anderen Branchen schlecht, der grösste Teil der Sorge- und Versorgungsarbeit wird zudem unbezahlt geleistet. Care-Arbeit und Care-Arbeitende sind in den zentralen Entscheidungsgremien des Bundes ungenügend repräsentiert.

 

6. Die Corona-Krise verdeutlicht die Bedeutung der Care-Arbeit und verschärft den Mangel an Ressourcen und politischer Repräsentation. Frauen tragen mit ihrer Care-Arbeit überverhältnismässig viel zur Bewältigung der Krise bei. Es sind hingegen in der Überzahl nicht-care-arbeitende Männer, die politische Entscheidungen fällen und die Krise managen.

 

Wir fordern

1. Eine nationale Taskforce «Sorge- und Versorgungswirtschaft» mit Einbezug von Fachpersonen aus folgenden Bereichen: Kinderbetreuung, Pflege, Bildung, Soziale Arbeit, Altenpflege und andere Gesundheitsberufe, Hauswirtschaft, Reinigung, Detailhandel, Gastronomie und weitere personenbezogene Dienstleistungen, unbezahlte Haus- und Familienarbeit sowie feministische Wissenschaft.

 

2. Die angemessene Vertretung der Frauen, d.h. 50 Prozent in allen bereits bestehenden und zukünftigen Expert*innengremien zur Bewältigung der Krise auf den Ebenen von Bund, Kantonen und Gemeinden.

 

3. Ein landesweites Hilfspaket «Care-Arbeit»: Alle Kosten der Corona-Krise in den Bereichen Bildung, Betreuung und Pflege müssen vom Bund «à fonds perdu» getragen werden, sowohl in bezahlten wie auch in unbezahlten Arbeitsverhältnissen. Die Zusatzbelastung der vergangenen und möglicherweise zukünftigen Monate in diesen Bereichen muss entlöhnt werden.

 

4. Eine bessere öffentliche Finanzierung und Entlöhnung systemrelevanter Tätigkeiten im Care-Sektor. Es braucht eine nationale Strategie zur Organisation und Finanzierung der Care-Arbeit, die der Sorge und Versorgung der ganzen Bevölkerung dient und nicht auf der finanziellen und zeitlichen Ausbeutung von Frauen beruht. Wir brauchen dringend eine öffentliche Debatte über die Zukunft des Service Public im Sorge- und Versorgungssektor.

 

5. Ein Gender-Budgeting der Corona-Massnahmen, das nicht nur Geldflüsse, sondern auch die Ressource Zeit berücksichtigt: Darin ist zu erfassen, wie sich die Arbeitsbelastung von Frauen und Männern (inkl. unbezahlter Arbeit) verändert hat und in welchem Umfang Frauen bzw. Männer von den gesprochenen Corona-Hilfsgeldern profitieren.

 

6. Den effektiven Schutz der Risikogruppe: Für sie muss der Zugang zu essenziellen öffentlichen Räumen möglichst risikofrei gewährleistet sein. Dieser Gesundheitsschutz kann nicht einfach der Eigenverantwortung Einzelner überlassen werden, nicht zuletzt wegen der grossen Ansteckungsgefahr durch Asymptomatische.

 

7. Eine Demokratisierung des Wissens: Alle Expert*innenpapiere der heute schon bestehenden Taskforces müssen in die Landessprachen übersetzt werden. Das Wissen, auf das sich die Regierung beruft, muss für die ganze Bevölkerung zugänglich sein. Wir fordern, dass möglichst bald eine wie in den USA bereits im April 2020 erschienene Studie zu den Folgen der Corona-Krise für Frauen und die Geschlechtergleichheit in der Schweiz in genügendem Umfang finanziert wird, damit nicht nur die statistischen Erhebungen, sondern auch entsprechende Feldforschung möglich ist. (2)

 

Eine landesweite Strategie für die Sorge- und Versorgungswirtschaft

Die Schweiz wurde in einem «Lockdown light» zum Stillstand gebracht, um das Gesundheitssystem vor einer Überlastung zu bewahren. Beim Lockdown ging es darum, die Wahrscheinlichkeit von Ansteckungen mit dem Coronavirus zu verringern. Möglichst viele Orte, wo sich Menschen treffen und somit anstecken konnten, wurden geschlossen. Nur für die Grundversorgung der Menschen unentbehrliche (systemrelevante) Dienstleistungen durften weiterhin angeboten werden. So wurden weiterhin Lebensmittel verkauft, Altersheime und Spitäler funktionierten weiter, und in der Kinderbetreuung ersetzten Notbetreuungsangebote das übliche Angebot. Für all diese Bereiche, die auch während des Lockdowns zu funktionieren hatten, wurden Regeln des Social Distancing formuliert. Für die Branchen der personenbezogenen und haushaltsnahen Dienstleistungen, d.h. für die Sorge- und Versorgungswirtschaft, hatten diese regulatorischen Eingriffe weitreichende Folgen und die Umsetzung war und ist besonders herausfordernd. Es brauchte und braucht weiterhin grosse organisatorische Anpassungen in den entsprechenden Betrieben und Institutionen. Die medizinische Versorgung und die Pflege wurden für die Aufnahme von Corona-Erkrankten mit grossem Aufwand umgebaut, das gilt ebenso für die Nahrungsmittelversorgung (Detailhandel) und die ausserfamiliäre Betreuung von Kindern von Eltern in systemrelevanten Berufen (sogenannte Notbetreuungsangebote). Auch der Bereich der unbezahlten Familien-, Freundschafts- und Nachbarschaftsarbeit war und ist stark betroffen. Eltern, die nicht in systemrelevanten Berufen tätig sind, waren aufgefordert, im Homeoffice gleichzeitig Kinder zu betreuen und darüber hinaus Verantwortung für das Homeschooling zu übernehmen.

Diesen immensen Herausforderungen, die dieser Umbau bedeutet, stehen die knappen finanziellen, zeitlichen und personellen Mittel in ebendiesen Branchen gegenüber. Bis heute gibt es keine landesweite Strategie und kein Hilfspaket (mit Ausnahme der Millionen für Kinderbetreuungsplätze) für den Bereich der Care-Arbeit während der Krise und darüber hinaus. Viele Bereiche der Sorge- und Versorgungswirtschaft sind in kantonaler Kompetenz. Das führt zu einem Flickenteppich an kantonalen Regelungen. Klar ist aber schon heute, dass grosse Zusatzausgaben auf die Kantone zukommen werden, um die Ausfälle im Gesundheitswesen, in der Kinderbetreuung, in der Altersbetreuung und in der Bildung aufzufangen. Zu befürchten (oder bereits angekündigt) sind zudem grosse Sparpakete, welche die Sorge- und Versorgungswirtschaft und damit die Frauen empfindlich treffen werden. Eines ist jedoch klar: An den Frauen darf nicht noch mehr gespart werden – im Gegenteil: Ihre Arbeit muss in Zukunft besser bezahlt werden.

 

Sorge- und Versorgungswirtschaft ins Bundeshaus

69 Prozent des gesamten Arbeitsvolumens wird in der Schweiz im Sorge- und Versorgungssektor geleistet.(3) Im Gesundheitswesen, in Altersheimen, Kitas, Tagesschulen und Schulen, im Detailhandel, in Haushalten, in der Gastronomie und in den verschiedensten Vereinen. Care-Arbeit ist im Wesentlichen Grundversorgung. Ohne Pflege, Betreuung, Essen und Trinken ginge es vielen Menschen schlecht und andere könnten nicht überleben. Care-Arbeit, also die Sorge für und die Versorgung von Menschen, ist entscheidend, wenn es um den Lebensstandard und das Wohlergehen von uns allen geht. Im Care-Sektor arbeiten überwiegend Frauen. Sie leisten nämlich rund 63 Prozent der bezahlten und 61 Prozent der unbezahlten Care-Arbeit. Ihr Anteil im Gesundheits- und Sozialwesen beträgt in Vollzeitäquivalenz gemessen über 70 Prozent, in Pflege- und Altersheimen über 80 Prozent. (4) Betrachten wir die Branchen, die im weitesten Sinne als systemrelevant gelten, fällt auf: Je mehr arbeitssparende Technologie im Spiel ist, desto höher sind die Löhne; je personennaher, gesprächs- und berührungsintensiver Tätigkeiten sind, desto tiefer sind die Löhne. Oder aber auch: Je höher der Frauenanteil in der Branche ist, desto tiefer sind die Löhne. Die von Corona ausgelöste Krise betrifft den Care-Sektor in besonderer Weise. Auf Care-Berufe – sorgende und versorgende Tätigkeiten – kann nicht verzichtet werden. Die in diesen Bereichen tätigen Frauen sind zugleich in besonderem Mass dem Infektionsrisiko ausgesetzt. (5) Wie ist es angesichts dieser Tatsachen möglich, dass care-arbeitende Frauen und ihre Organisationen im Krisenstab und anderen beratenden Gremien des Bundes nicht vertreten sind? Hier kommt die extrem ungleiche Verteilung von Macht und politischer Repräsentation zwischen den Geschlechtern zum Ausdruck. Frauen verfügen über eine enorme Erfahrung und Expertise in Bereichen, die für die Bewältigung dieser Krise zentral sind. Trotzdem haben sie weder als Expertinnen noch als Betroffene in der politischen und wirtschaftlichen Krisenbewältigung eine Stimme.

Der Bundesrat und andere Entscheidungstragende müssen sich dringend um das dafür notwendige Know-how bemühen. Dafür müssen Fachpersonen und Berufsverbände der Sorge- und Versorgungswirtschaft im Krisenstab des Bundes Einsitz nehmen, und eine eigene Taskforce «Sorge- und Versorgungswirtschaft» muss ins Leben gerufen werden. Ohne Care-Arbeitende und ihr Wissen werden wir keine tragfähigen und kohärenten Lösungen erarbeiten können.

 

(1) Care-Arbeit, Sorge- und Versorgungsarbeit, personenbezogene und haushaltsnahe Dienstleistungen werden synonym gebraucht. Siehe dazu Mascha Madörin, Zählen, was zählt. Sorge- und Versorgungswirtschaft als Teil der Gesamtwirtschaft, in: Knobloch, U. (Hg.), Ökonomie des Versorgens, Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum, Weinheim Basel 2019, Tab. 3, S. 109/110.
(2)
 Titan M. Alon, Matthias Doepke, Jane Olmstead-Rumsey, Michèle Tertilt, The Impact of Covid-19 on Gender Equality, National Bureau of Economic Research NBER, Working Paper 26947, April 2020.

(3) Siehe Mascha Madörin, Zählen, was zählt.

(4) Siehe BFS Statistik der sozialmedizinischen Institutionen 2018 (Stand 12.11.2019, Abfrage 09.06.2020).

(5) Svenson Cornehls, Patrick Vögeli, Dominik Balmer, Wie der Lockdown den Gender Gap verschärft, in: Der Bund, 16.05.2020.